Kartons lügen nicht.
- Nadine Gander
- 9. März
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Apr.
Ich stehe mitten in einem leeren Zimmer. Um mich herum Kartons, Klebeband, das leise Summen der Erschöpfung. Und plötzlich dieser Gedanke, der nichts mit dem Umzug zu tun hat: Habe ich mich jemals wirklich in mir angekommen gefühlt? Oder habe ich das Ankommen immer auf später verschoben?
Vor wenigen Wochen bin ich umgezogen. Die Tage davor waren geprägt von Organisation, Kartons, Entscheidungen und diesem Gefühl, dass alles gleichzeitig passieren muss. Ich spürte eine Anspannung. Dinge sortieren, einpacken, koordinieren, transportieren, wieder auspacken. Manchmal chaotisch, manchmal mühsam. Und zwischendurch immer wieder der Gedanke: Warum habe ich eigentlich so viele Dinge?
Ich habe in den letzten Jahren auf unterschiedliche Arten gewohnt. Ich habe eine Zeit lang allein gelebt und diese Freiheit sehr genossen. Den eigenen Raum zu haben brachte mir viel Flexibilität und Gelassenheit. Dann gab es eine Phase in der ich in einer WG lebte. Auch das ist auf eine Weise bereichernd. Mehr Austausch, mehr Dynamik, mehr Leben im Alltag. Jedoch auch mehr Reibungspunkte und Kompromisse. Das war deshalb herausfordernd, weil ich die Tendenz habe, es allen Recht machen zu wollen und auf keinen Fall Konflikte provozieren möchte.
Dann bin ich für eine Übergangszeit wieder zu meinen Eltern gezogen. Mit knapp 30 wieder im Kinderzimmer schlafen; derselbe Raum zu bewohnen, der mich einmal geformt hat. Ich habe mich nicht wirklich verändert. Ich hatte nur endlich angefangen, mich zu verstehen und mich mit mir auseinander zu setzen. Und ich sah klarer. Manchmal sass ich abends auf der Bettkante und merkte: Das hier ist kein Rückschritt, sondern Heilung. Plötzlich sah ich alte Muster - wie ich funktioniert hatte - klarer als je zuvor. In echten, direkten Gesprächen mit meinen Eltern, tauchte ich tiefer in meine eigene Geschichte ein als in all den Jahren davor.
Dann Anfang Februar, der langersehnte Umzug zusammen mit meinem Partner in die gemeinsame Wohnung. Nach all den Übergängen der letzten Zeit fühlte sich dieser Schritt besonders an. Nicht nur, weil ein neues Kapitel begann, sondern weil sich vieles aus den letzten Jahren plötzlich zusammenfügte.
Der Umzug selbst war, wie Umzüge eben sind; Kartons, Organisation und Stressmomente.
Heute, wenige Wochen nach meinem Umzug, stehe ich in meinem neuen Zuhause und spüre etwas, das ich der letzten Zeit kaum wahrnehmen konnte: Ruhe.
Alles hat langsam seinen Platz gefunden. Nicht nur die Dinge im Raum. Auch in mir.
Ich habe wieder gemerkt, wie stark unser Aussen mit unserem Inneren verbunden ist.
Ein Umzug zwingt uns, Entscheidungen zu treffen. Was nehme ich in den nächsten Abschnitt meines Lebens mit? Was darf gehen?
Loslassen wird dabei zu einem praktischen Unterfangen. Ich halte Dinge in den Händen, die seit Jahren unbeachtet blieben. Alte Fotos, Postkarten von Menschen, mit denen ich heute kaum Kontakt habe, kleine Erinnerungsstücke, die still in einer Schachtel auf eine Entscheidung warten.
Diesmal frage ich mich: Behalte ich das für die Erinnerung, oder weil ich Angst habe, den Moment wirklich gehen zu lassen?
Auch in unserem Innern sammeln sich Dinge an. Alte Geschichten, Erwartungen und Vorstellungen davon, wie etwas sein sollte. Manchmal tragen wir sie viel länger mit uns herum, als sie uns eigentlich noch dienen. Und manchmal braucht es genau so einen Prozess, eine kleine oder grosse Veränderung, um wieder klarer zu sehen.
Ich hatte mir vorgestellt, dass das Leben irgendwann eine klare Richtung bekommt. Stattdessen: Schleifen, Umwege, Orte, die ich nicht geplant hatte. Und genau das war der Weg. Der Fluss des Lebens verläuft selten linear. Phasen wechseln sich ab. Mal fühlt sich alles leicht und klar an, mal chaotisch und unübersichtlich. Beides gehört dazu und die Kunst sehe ich darin, im Vertrauen mitzugehen.
Der aktuelle Umzug hat mir vor allem eines bewusst gemacht: Es geht nicht darum, dass alles sofort perfekt ist. Es geht darum, dem Prozess zu vertrauen.
Kartons auspacken ist manchmal mühsam. Aber mit jedem Karton, der verschwindet, entsteht Raum. Raum im Aussen und oft auch im Inneren. Raum für Neues, für Klarheit und für Dinge, die wirklich zu uns passen.
Wenn auch du dich gerade in einer Veränderung befindest dann frage dich:
Was halte ich fest, weil ich Angst vor der Leere danach habe?
Welches Kapitel ist schon längst beendet, aber ich weigere mich, die letzte Seite umzublättern?
Wo in meinem Leben herrscht Chaos, weil ich noch keine Entscheidung getroffen habe?
Was brauche ich wirklich, um mich zuhause zu fühlen – in einem Raum, in einer Beziehung, in mir selbst?
Heute ist es still hier. Alles hat seinen Platz gefunden, die Dinge in der Wohnung und vieles in mir. Nicht weil ich es erzwungen habe. Sondern weil ich aufgehört habe, dagegen zu arbeiten und ehrlich zu mir selbst bin. Ein Umzug endet mit dem letzten ausgepackten Karton. Der innere Prozess endet nie wirklich, er verändert sich nur und geht ein Leben lang weiter. Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt, mit dem es gilt umzugehen.
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