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Wer nicht mehr kann, kann nicht nach innen schauen

Autorenbild: Nadine Gander
Nadine Gander
17. Sept.
4 Min. Lesezeit
Erschöpfte Menschen hören oft denselben Rat: Du musst nicht. Lass doch mal los. Schau doch mal hin. Dieser Rat stimmt, aber die Reihenfolge stimmt nicht.

Ich weiss, wie sich das anfühlt

Es gab eine Zeit, in der ich nicht mehr überlegen konnte. Ich spürte mich selbst kaum noch, und alles war zu viel. Mein System war komplett überladen und unter Stress. Ich sass vor einer Mail an meinen damaligen Arbeitgeber und brachte es nicht fertig, den Anhang anzuhängen. So klein war die Aufgabe, und so überfordert war ich.
Auf dem Weg zurück, raus aus der Erschöpfung und wieder hinein in meine Selbstwirksamkeit, begleiteten mich einige gute Menschen. Dafür bin ich unglaublich dankbar, doch auch wenn die gut gemeinten Übungen, die Gespräche und Ratschläge im ersten Moment nicht wirklich bei mir ankamen, habe ich mitgemacht, mich darauf eingelassen ohne Widerstand. Die Veränderung kam erst mit der Zeit...

Der Körper entscheidet zuerst

Unser Organismus prüft ununterbrochen, ob eine Situation sicher ist. Das geschieht ohne unser Zutun und lange bevor ein Gedanke da ist. Lautet die Antwort "nicht sicher" oder gar "bedrohlich", dann schaltet der Körper und das Nervensystem auf Schutz. Er geht entweder nach oben in Anspannung und Unruhe oder nach unten in Leere und Taubheit.
Reflektieren, sich selbst beobachten, Ratschläge befolgen und Empfehlungen ausführen werden in diesem Zustand kaum möglich. Das liegt nicht daran, dass jemand nicht will.
Dieser Zustand verändert sich auch selten durch Einsicht. Er verändert sich über ein ruhiges Gegenüber, das bleibt. Dazu braucht es Geduld und Zeit.

Warum gute Werkzeuge ins Leere greifen

Glaubenssätze zu verändern und Zielbilder zu entwickeln sind gute Werkzeuge, sie greifen aber erst, wenn jemand sie halten kann.
Oft wird von erschöpften Menschen genau das verlangt, wozu Erschöpfung die Fähigkeit nimmt. Und wenn es nicht klappt, halten die Betroffenen es für ihr eigenes Versagen oder werden in ihrer Ohnmacht oder Überforderung noch bestätigt. Das ist ein zweites Scheitern, das niemand gebraucht hätte.

Erst Sicherheit, dann Wahrnehmen, dann Wahl

Sicherheit lässt sich nicht anordnen, sie lässt sich nur anbieten. Ob sie ankommt, entscheidet nicht ein Plan, ein Tool oder eine Methode, sondern das Nervensystem meines Gegenübers.
Ich merke es, wenn es so weit ist. Die Schultern sinken, der Atem wird länger, und jemand erzählt von sich, ohne gefragt zu werden.
Sicherheit kann zuerst zwischen zwei Menschen entstehen und dann zur eigenen werden. Danach wird Wahrnehmen möglich, und erst wer wahrnimmt, hat etwas zu wählen.

Für die Praxis

Das Tempo ist Teil des Inhalts und nicht bloss der Rahmen. Die halbe Stunde, in der scheinbar nichts passiert, ist bereits die Arbeit.
Reflexion ist in meinen Begleitungen ein Ergebnis und keine Eintrittsbedingung.
Wenn nichts greift, ist selten die Methode falsch. Meistens kommt sie zu früh.
Für alle, die mit Menschen arbeiten, heisst das ganz konkret: Bevor du das nächste Mal eine Frage stellst, die zum Nachdenken einlädt, prüfe, ob du vorher lange genug einfach da warst.

Wie ich das konkret mache

Ich gehe mit Menschen lieber, als dass ich ihnen gegenübersitze. Nebeneinander zu laufen nimmt Druck heraus. Man muss sich nicht ansehen, man muss nicht antworten, und Sprechen fällt oft leichter, wenn der Körper in Bewegung ist. Dabei beziehe ich die Natur mit ein, denn sie kann den Zugang zu tieferen Themen öffnen.
Ich sage, was ich wahrnehme, statt zu deuten. Also nicht "Du bist gerade angespannt", sondern "Mir fällt auf, dass du seit ein paar Minuten die Hände knetest. Was hat sich verändert?" Der Unterschied ist klein und entscheidend, denn so liegt der Fokus wieder auf der Wahrnehmung und die Person behält die Deutungshoheit. Durch die Wahrnehmung oder auch verschiedene Atemübungen unterstütze ich mein Gegenüber ins Hier und Jetzt zurück zu kommen.
Auch Freiraum ist wirksam. Ich halte Pausen aus und fülle Stille nicht. Wenn jemand zwei Minuten nichts sagt, kommt danach oft der erste Satz, der wirklich der Person gehört.
Ich definiere nicht in jeder Begleitung ein Ziel. Das ist ungewöhnlich, weil Zielarbeit in fast jedem Coaching am Anfang steht. Aber ein Ziel zu formulieren heisst, zu wissen, wo man hinwill. Wer erschöpft ist, weiss das oft nicht, und die Frage danach erzeugt dann nur neuen Druck. Oft ist der Wunsch nach Ruhe gross und genau das wird dann zum Ziel, ob es ausgesprochen ist oder nicht.

Was du für dich selbst tun kannst

Wenn du merkst, dass es zu viel wird, fang nicht beim Nachdenken an. Dein Kopf wird dir in diesem Zustand keine brauchbare Antwort geben.
Fang beim Körper an. Geh aus dem Raum. Steh auf. Geh eine Runde um den Block, auch wenn es nur fünf Minuten sind. Bewegung verbraucht die Anspannung, die sonst im Körper bleibt.
Frag dich "Was brauche ich in den nächsten zehn Minuten?"
Und vielleicht noch einen Gedanken, woran erkenne ich dass es mir gerade zu viel ist? Spüre in deinen Körper und werde dir verschiedenen Anzeichen bewusst. Das ermöglicht dir bereits ein frühes Erkennen.

Was du für andere tun kannst

Das Wichtigste zuerst: Gib keinen Rat, solange du nicht gefragt wurdest.
Wenn jemand in deiner Nähe nicht mehr kann, ist das Wirksamste, was du tun kannst, dableiben. Nicht lösen, nicht aufmuntern, nicht nachfragen. Einfach da sein, selbst ruhig bleiben und in den Bauch atmen.
Setz dich nebeneinander statt gegenüber. Oder achte auf Beschäftigung für die Hände oder Bewegung. Beim Abwaschen oder auf einem Spaziergang wird oft mehr gesagt als an einem Tisch.

Begleitung ergänzt eine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Sie ersetzt sie nicht.





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